Startseite Suche Sitemap
 

Veröffentlicht am 26.06.2011


Straßenbahn-Idee ist nicht vom Tisch

Verkehrsclub Deutschland hat hohe Erwartungen an eine mögliche rot-grüne Koalition – SJ-Interview mit dem Vorsitzenden Jens Volkmann

BREMERHAVEN. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) lässt nicht locker. Die Mitglieder der Bremerhavener Kreisgruppe haben in den vergangenen Jahren viele Konzepte erarbeitet, mit denen sich – ihrer Meinung nach – das Angebot im öffentlichen Personen-Nahverkehr verbessern lässt. Nach der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung hoffen die VCD-Kämpfer auf neue Impulse aus der Politik, mit denen ihre Ideen unterstützt werden.

Es zeichnet sich ab, dass es im Bremerhavener Kommunalparlament einen Koalitionswechsel geben wird. Rot-Schwarz ist aktuell ein Auslaufmodell, die Weichen sind für Rot-Grün gestellt. Das sollte vermeintlich auch im Interesse des VCD sein. Sonntagsjournal-Redakteur Matthias Berlinke unterhielt sich mit dem Kreisvorsitzenden Jens Volkmann.

Sonntagsjournal: Die rotgrüne Koalition in Bremerhaven ist so gut wie in trockenen Tüchern. Und der VCD macht Jubelsprünge.

Jens Volkmann: Wieso?

Sonntagsjournal: Wenn die Grünen in verantwortungsvoller Position mitmischen, sollte doch wohl wieder verstärkt über  umweltfreundliche Verkehrskonzepte geredet werden – oder etwa nicht? Der VCD hat da ja so einiges auf Lager: Wiedereinführung der Straßenbahn, Verbesserungen im Angebot von Bremerhaven Bus, Reaktivierung des Bahnhofs Speckenbüttel.

Jens Volkmann: Die SPD hat in ihrem Wahlprogramm den ÖPNV und SPNV, also den öffentlichen Verkehr auf Straße und Schiene, zu einem Kernthema erklärt. Insofern hätte es die Grünen ja gar nicht gebraucht. Aber im Ernst: Die von Ihnen genannten Projekte müssen umgesetzt werden, wenn man die Abhängigkeit vom Auto verringern will. Ob das eine rot-grüne Stadtregierung auch wirklich verfolgt, wird man sehen. Ich hoffe auf jeden Fall darauf.

Sonntagsjournal: Fangen wir mal mit der Straßenbahn an. Sie  kämpfen schon seit vielen Jahren für die Tram, haben aber immer nur an die Ohren bekommen. Gibt es jetzt mit den Grünen tatsächlich eine Perspektive?

Jens Volkmann: Auf die Ohren bekommen haben ja vor allem all die Bremerhavener Bürger, die seit Jahren auf eine attraktive Alternative zum Auto warten. Und das sind nicht wenige. Wer es mit der Klimastadt Bremerhaven ernst meint, wer mehr Lebensqualität schaffen und die kommunale Wirtschaft stärken will, kommt an der modernen Straßenbahn nicht vorbei.

Sie animiert erwiesenermaßen deutlich mehr Autofahrer zum Umsteigen auf den ÖPNV als der Bus. Gleichzeitig erhöht sie die Attraktivität der gesamten Stadt. Mit Rasengleisen, barrierefreien Haltestellen, attraktiven Fahrzeugen und mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer im Zuge einer Neuaufteilung der Verkehrsflächen könnten auch Hauptstraßenzüge wieder lebenswert werden.

Davon profitiert auch der Einzelhandel in den Stadtteilzentren. Insofern kommt dem Projekt Straßenbahn aus meiner Sicht eine Schlüsselrolle bei der künftigen Stadtentwicklung zu.

Sonntagsjournal: Was kostet denn die Straßenbahn für Bremerhaven? Und: Haben Sie einen Finanzierungsvorschlag?

Jens Volkmann: Es gibt in Deutschland verschiedenste Finanzierungsinstrumentarien. In der Regel bekommen die Städte, die in Straßenbahnsysteme investieren, Fördermittel vom Bund und Land, sofern der volkswirtschaftliche Nutzen nachgewiesen ist.

Bremerhaven kann überdies Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung beantragen. So hat beispielsweise Dublin immerhin ein Drittel der Baukosten für sein neues Tramsystem erhalten.

Die entscheidende Frage ist doch: Für was soll in Zukunft Geld ausgegeben werden? In Bremerhaven und Umgebung ist das bis heute der Straßenbau. 170 Millionen Euro für einen Hafentunnel, sogar zwei Milliarden Euro für eine sogenannte Küstenautobahn. Ich bezweifle, dass es sich dabei um zukunftsweisende Projekte handelt. Wir brauchen das Geld viel dringender für klima- und menschenfreundliche Mobilitätskonzepte. Dazu gehört die Straßenbahn.

Sonntagsjournal: Wie sieht es mit der Reaktivierung des Speckenbütteler Bahnhofs aus? Die vom Magistrat in Auftrag gegebene Studie stellt dem Projekt ja kein sonderlich gutes Zeugnis aus. Darüber haben wir schon berichtet.

Jens Volkmann: Die Empfehlungen in der Untersuchung sind in keiner Weise nachvollziehbar. Welcher Bahnhof soll denn überhaupt reaktivierungswürdig sein, wenn nicht Speckenbüttel?

Immerhin hat die Station ein Erschließungspotenzial von mehr als 30.000 Einwohnern und könnte hervorragend mit dem städtischen ÖPNV verknüpft werden.

Wir werden auf jeden Fall am Thema dran bleiben. Entscheidend wird auch hier sein, dass man sich seitens der Politik über die Chancen der Verlagerung von Autoverkehr auf die Schiene bewusst wird und das Projekt mit Nachdruck verfolgt.

Sonntagsjournal: Mal am Rande gefragt: Würden Sie es den Grünen übel nehmen, wenn sie fortan den Bau des Hafentunnels mittragen würden?

Jens Volkmann: Das müssen die Grünen selbst entscheiden. Der Hafentunnel ist aus Sicht des VCD heute und auch in Zukunft verkehrlich nicht notwendig. Das sehen die Grünen ja genauso.

Sonntagsjournal: Letzte Frage, Herr Volkmann. Haben die Grünen die Kraft, Bremerhaven endlich wieder ans Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn anzukoppeln?

Jens Volkmann: Ich glaube, hier müssen alle demokratischen Parteien an einem Strang ziehen. Nur so kann Druck aufgebaut werden. Gleichzeitig sollte man auch Vorstellungen haben, wie für eine gute Auslastung der Fernverkehrszüge gesorgt werden kann. So könnten aus unserer Sicht ICE- oder IC-Züge zwischen Bremerhaven und Bremen auch für Kunden mit VBN-Fahrscheinen freigegeben werden. In Richtung Oldenburg soll ab Dezember 2013 so verfahren werden.

 


Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung der NORDWESTDEUTSCHEN VERLAGSGESELLSCHAFT m.b.H., Bremerhaven